Meine Mutter …

… war mal wieder der Meinung neue Klamotten zu brauchen. In dem Heim wären alle so chic. Da muss sie mithalten … äh … ja, ist mir noch nicht aufgefallen, das mit dem chic, dass meine Mutter mithalten oder besser vorpreschen oder etwas Besseres sein will, schon.
Das letzte Mal haben wir im Juli, als ich sie besuchen war, gemeinsam bestellt. Gemein wie ich bin, durfte sie natürlich nicht so, wie sie wollte. Ich habe ihr die weißen Hosen gestrichen. Sie durfte die Hosen bestellen, Caprihosen – drei Stück, die sie haben wollte, aber nicht in weiß.

Dieses Mal schickte sie mir ihre Bestellwünsche per WhatsApp:
Bitte bestellen:
1 Caprihose in weiß
1 Blazer Gr. 42 – hellgrau
1 Hose – passend zum Blazer hellgrau
1 Jeans weiß
Die sind hier alle so chic. Da kann ich noch so rumlaufen.

Zu ihrem großen Glück hatte ich einen meiner wenigen milden Tag und sagte mir, dass ich nicht immer arschig sein kann, habe nicht „Ja, aber …“ gesagt und nicht diskutiert, weder über den Umstand, dass man jetzt eigentlich keine Caprihose mehr braucht, noch über die Farbe. Ich habe einfach bestellt und habe dabei immer nur gedacht: „Chic, aber bekleckert.“ Denn wann immer ich meine Mutter sehe, ist sie bekleckert. Das ist nicht erst so seit sie im Heim ist. Das war vorher schon so. Darum hatte ich ihr die weißen Hosen gestrichen. Die weißen Hosen, die ich bei ihr gefunden habe, als ich ausräumte und von denen ich wusste, dass sie gerade erst zwei Monate alt waren, waren in einem Zustand, den ich nicht näher beschreiben möchte. Oder doch – die Hosen waren final.

Montagmorgen habe ich bestellt und seitdem hat sie mich jeden Tag gefragt, wann denn ihre Sachen kommen. Außerdem wollte sie jedes Mal mit mir über die Notwendigkeit der Bestellung diskutieren. Ich wollte aber nicht mir ihr darüber reden. Wozu? Haben wir alles schon durch. Muss ich mich nicht nochmal unnötig ereifern. Das habe ich ihr auch gesagt.

Ich: „Ich rede nicht mit dir darüber. Du bekommst dein Sachen und gut ist es.“
Sie:“Ja, aber ich muss doc…“
Ich: „Nein, kein Ja, aber:“
Sie: „Ja, aber …“
Ich: „Neinhein, kein Ja, aber.“
Sie: „Aber …“
Ich: „Nein.“
Das haben wir jeden Tag getrieben bis sie lachen musste.

Heute sind endlich ihre ersehnten Sachen gekommen. Gegen halb eins klingelt das Telefon und sie war wieder dran: „Warum hast du mir heute Morgen nicht gesagt, dass die Sachen kommen?“
Ich: „Was hätte das geändert?“
Sie: „Ich hätte mich freuen können.“
Ich: „Kannst du doch jetzt auch.“
Sie: „Nee, kann ich nicht. Geht alles zurück. Ich brauche doch jetzt keine Caprihose mehr.“
Ich: „Ach?“
Sie: „Und die Qualität. Ganz schlecht. Alles Plastik.“
Ich: „Ja, stand dran, dass es Polyester ist.“
Sie: „Sitzt auch alles nicht. Und der Blazer ist bestimmt keine 42. Der ist viel zu klein.“
Ich: „Ach, wie das wohl kommt?“ (Wir hatten bei meinem letzten Besuch erörtert, dass sie wieder ordentlich was auf den Rippen hat)
Sie: „Das kommt von den vielen Muskel, die ich durch Rollstuhl fahren bekommen habe.“
Ich: „Interessant.“
Sie: „Ja, natürlich. Wovon sonst?“

Mögen ihr die Ausreden nie ausgehen. Diese hier war mein heutiges Highlight. Ich habe Tränen gelacht.

2 Gedanken zu „Meine Mutter …

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