Krimi

Gegen 13:15 Uhr schaute ich heute aus dem Küchenfenster, weil ich hoffte den Paketdienst am Horizont erspähen zu können. Den Paketdienst gab es nicht zu erspähen, aber auf der Straße stand ein Rettungswagen. Die stehen hier öfter, aber sonst ein Stück weiter die Straße runter. Um herauszufinden bei wem die sich rumtreiben, strebte ich dem Schlafzimmerfenster entgegen und wurde fündig. In der Einfahrt gegenüber, dort wohnt ein älterer Herr, stand der Notarztwagen und die Besatzung aus beiden Fahrzeugen stand drum rum. Die Haustür stand sperrangelweit offen. Das erschien mir schon etwas seltsam. Aber ich dachte: „Naja, vielleicht sind sie schon fertig. Haben ihn verarztet, alles gut und unterhalten sie sich noch ein bisschen.“
Das dachte ich aber nicht lange, weil auf einmal ein Polizeiwagen mit Blaulicht, aber ohne Lärm heransauste und zwei Polizistinnen ausspuckte. Die beiden gesellten sich zum Notarzt und der Rettungswagencrew und nun palaverte man zu siebend.
Irgendwann begab sich eine Polizistin wieder zum Wagen und holte mühsamst ein Köfferchen aus dem überfüllten Kofferraum, in dem sie herumkramte und etwas herauskramte. Dann versuchte sie das Köfferchen in den Kofferraum zu pferchen und die Klappe zu schließen. War mühsam, dauerte, aber irgendwann war es vollbracht. Daraufhin machte sie sich auf ins Innere des Hauses. Nicht ohne vorher ein Paar Handschuhe angezogen zu haben. Draußen redete man zu sechst weiter. Zumindest der Notarzt, stand hinten drauf, sollte also auch drin gewesen sein, fühlte sich bemüßig irgendwelchen Papierkram hinter sich zu bringen.
Die im Haus verschwundene Polizistin tauchte irgendwann, emsig in ihr Smartphone sprechend, wieder auf, sprach dann zusätzlich auch noch mit den anderen und umwanderte dann, schon wieder mit dem Smartphone am Ohr, den Garten.
Kuckte nach oben und nach unten und in die Ecke und jene Ecke und drehte noch eine Runde. Dann gesellte sie sich wieder zu ihrer Kollegin und dem Notarzt und dem Rettungsdienstteam.
Man redete, zeigte, gestikulierte, telefonierte und wanderte noch mehrere Male ums Haus. Dann kam Leben ins Rettungsteam und den Notarzt. Woraufhin die zweite Polizistin einen Zollstock zückte und sämtliche Menschen vom Rettungsteam zogen ihre Schuhe aus und hielten sie der Polizistin zum Vermessen hin. Dann schnell Schuhe an und mit Blaulicht und viel Lärm los.
Die zwei verbliebenen Polizistinnen rauchten erst einmal eine Zigarette … jede eine eigene, ganz Corona konform. Es war überhaupt alles ganz Corona konform.
Dann tauchte eine Frau auf, die man augenscheinlich gerufen hatte, die aber nicht mit den Örtlichkeiten vertraut war, weil sie zuerst ein anderes Grundstück angesteuert hat. Trotzdem verschwand sie im Haus. Ich vermute, dass es die Betreuerin des alten Herren war. Als die im Haus verschwunden war, fuhr ein unauffälliger Combi vor, dem zwei Männer entstiegen, die in ihrem Kofferraum kramten … deutlich aufgeräumter als im Streifenwagen …, diesem einen Plastikbeutel mit Krusch und Kram mit was auch immer und eine Kameratasche entnahmen und dem Haus entgegen strebten. Das total politisch ausgeglichene Quartett (zwei Männlein, zwei Weiblein … jaja...eigentlich anders rum, aber das klingt nicht) besprach sich. Besprach sich lange. Daraufhin gingen die Herren kuckend und zeigen durch den Garten. Die Damen hielten einfach die Stellung. Was gut war. Denn plötzlich tauchten zwei Frauen auf. Eine Weißhaarige und eine Grauhaarige, die ich wenig später als die Frau identifizieren konnte, die sich immer um die Mülltonnen von dem alten Herren kümmert. Bei der Weißhaarigen weiß ich nicht, welche Rolle sie spielt. Ist auch nicht wichtig.
Die Herren haben sich so weiße, überdimensional große „Fußlappen“ über die Schuhe gezogen, mit der Kamera ein paar Aufnahmen von dem Haus von Außen gemacht und haben sich dann ins Innere begeben. Sind dort aber nicht lange geblieben, sondern sind lieber wieder nach draußen zu den Damen … zwei Polizistinnen, die Weißhaarige, die Grauhaarige und die vermutliche vom Pflegedienst, geeilt und haben „geplaudert“.
Die Polizistinnen haben irgendwann ihren Schreibblock und ihren Stift eingepackt (hatten sie wirklich) und haben sich vom Acker gemacht. Die restlichen Damen schwatzten weiter miteinander oder gaben den beiden Polizisten ihre Kontaktdaten (zeigten ihre Ausweise).
Dann verschwanden die Polizisten wieder im Haus und die Dame, die für die Mülltonnen zuständig war … die Grauhaarige … entschwand über sie Straße nach Hause. Die Weißhaarige sattelte ihr Fahrrad und fuhr wohin auch immer. Die vom Pflegedienst blieb einsam im Garten zurück, weil sich die Polizisten mit einer Frau im weißen Outfit und einer Rot Kreuz Tasche, die einem Auto entstieg, das direkt unter unserem Fenster parkte, wie ich später feststellte, ins Haus gingen. Es ging noch so einiges hin und her.
Dann kam der Leichenwagen.
Danach ging nicht mehr soviel. Nur die Dame vom Pflegedienst und die Herren, die den Leichenwagen beluden und wegfuhren und die beiden Polizisten, die am Ende die Haustür schlossen und abschlossen und den Schlüssel in einer großen Papptüte versenkten und ihm noch das eine oder andere in die Tüte hinterher warfen.

Der alte Mann von gegenüber ist mit Sicherheit nicht friedlich im Schlaf in seinem Bett oder seinem Sessel gestorben.
Es ist ein ganz komisches Gefühl, weil ich nichts genaues weiß. Vielleicht ist heute Nacht, als ich wie immer ganz schlecht geschlafen habe, dort jemand eingebrochen … und ich habe trotz der Schlaflosigkeit nichts gesehen oder gehört. Vielleicht ist mitten am Tag jemand eingebrochen … vielleicht ist es auch schon länger her und niemand hat es bis heute bemerkt … vielleicht … vielleicht …

Ich weiß, dass ich in einem kriminellen Hotspot wohne … im besonderen, was die armen Flüchtlinge betrifft, von denen wir wieder viele, von denen wir nicht ihren wahren Hintergrund und ihre wahre Gesinnung, aufgenommen haben.
Es macht mir Angst. Es macht mich traurig, ohne den alten Mann wirklich gekannt zuhaben … einmal die Woche ging er mit seinem Rollator Blumen holen, es macht mich ärgerlich.

Ganz besonders bizarr finde ich, dass sich während im Haus die Ärztin ein letztes Mal den alten Mann beschaut hat, ein Teenie-Junge aufs Grundstück geschlichen ist, bei offener Haustür, um den Markt, das Stadtblatt, welches zweimal die Woche erscheint, in die Zeitungsröhre zu stecken. Der hatte ganz sicher keine Ahnung, was sich gerade im Haus tat. Das war sein erstes Mal in diesem Job und es war ihm sichtlich unangenehm in fremde Grundstücke einzudringen, wie offen sie hier auch immer sind und etwas die „Briefkästen“ zu stecken.

Ja, ich habe heute auch noch etwas anderes gemacht, als aus dem Fenster zu starren. Ich habe nebenbei ein Toastbrot gebacken und mir die Nägel lackiert … vorausschauend in schwarz.